Callas-Festival auf myclassicworld
Maria Callas lebt. Heute vor 85 Jahren wurde die Diva geboren. Grund genug für uns, diese legendäre Stimme zu feiern. Bis Weihnachten lesen Sie bei uns die schönsten Geschichten über die Callas, können sich ihre schönsten Arien auf Ihren Computer herunter laden und sich die besten Videos mit der Sängerin ansehen. Genießen Sie die Jahrhundertstimme, auf die wir Sie heute mit einem Essay einstimmen.
Unsere Zeit liebt Superlative. Gern wird heute eine beliebige russische Sopranistin, die "La Traviata" recht anständig über die Bühne bringt und einigermaßen hübsch dabei aussieht, mit ihr verglichen. Mit der Einzigartigen, mit la Diva - mit Maria Callas.
Die Wahrheit ist, daß die Opernbühne seit ihrem Tod am 16. September 1977, als Maria Callas mit 54 Jahren einsam in ihrer Pariser Wohnung starb, keine Stimme mehr gehört hat wie ihre. Die Stimme eines archaischen Wesens, dem es nie um Schönheit, stets aber um Seelentiefe ging, das sich nie an der gänsehäutigen Oberfläche aufhielt, sondern sich immer tief hineinsang in das Fleisch und vordrang bis zu den letzten Knochen.
Die vielleicht schönsten Worte über Maria Callas sind im Nachlaß von Ingeborg Bachmann zu lesen: "Sie ist die einzige Kreatur, die je eine Opernbühne betreten hat." Maria Callas, schrieb Bachmann, wird jedem, "der nicht jedes Gehör verloren hat, aus Abgestumpftheit oder Snobismus, nie vergessen machen, daß es Ich und Du gibt, daß es Schmerz gibt, Freude, sie ist groß im Haß, in der Liebe, in der Zartheit, in der Brutalität, sie ist groß in jedem Ausdruck, und wenn sie ihn verfehlt, was zweifellos nachprüfbar ist in manchen Fällen, ist sie noch immer gescheitert, aber nie klein gewesen. Sie kann einen Ausdruck verfehlen, weil sie weiß, was Ausdruck überhaupt ist." Maria Callas war eine Kreatur des Ausdrucks - auf der Bühne und im Leben.
Die griechische Sängerin Maria Anna Sofie Cecilia Kalogeropoulos wog einmal 100 Kilo und kämpfte mit starker Akne. Doch plötzlich verlor sie 40 Kilo, trat in Chanel-Gewändern auf und verwandelte sich über Nacht zur betörend schlanken Ikone, zu Maria Callas.
Der plötzliche Gewichtsverlust gehört zu den vielen ungelösten Rätseln ihres Lebens. Wahrscheinlich hat Callas einen Bandwurm verloren, ihre angeschlagenen Drüsen funktionierten wieder, und sie nahm ab, ohne weniger zu essen. Daß eine amerikanische Nudelfirma behauptete, Callas sei durch den Verzehr ihrer Spaghetti zur Schönheit geworden, paßt zu ihrer Biographie, die ein einmaliges Konglomerat aus Legenden, Lügen und Skandalen ist. Das Leben einer öffentlichen Frau, die allen gehörte, die alle erfanden, an der sich alle bedienten.
Sie war zickig, depressiv und begnadet. Ein Diven-Mythos, an dem viele gestrickt haben. Ihre Mutter, die Callas in der biographischen Schmähschrift "Meine Tochter" angegriffen hat, weil die Sängerin ihre schamlosen Bettelbriefe abgeschmettert hatte. Ihr Mann Giovanni Battista Meneghini, der für Callas astronomische Gagen aushandelte und ihren Ruf als raffgierige Künstlerin in Kauf nahm, der Skandale an der Mailänder Scala und der Metropolitan Opera in New York anzettelte.
Und Aristoteles Onassis, der Maria Callas auf seine Yacht "Christiania" eingeladen hatte, weil sie neben dem inkontinenten Winston Churchill in den 18 Prunkzimmern und dem Marmorpool eine besondere Abwechslung versprach. Damals ging die Sängerin gemeinsam mit ihrem Ehemann in Monte Carlo an Bord. Am Ende des Törns war sie ein Liebespaar mit Onassis. Es wurde eine dramatische und verhängnisvolle Affäre.
Die beiden hatten sich auf einem Ball in einem venezianischen Palazzo kennengelernt. Der griechische Milliardär hatte keine Ahnung von Oper und wurde trotzdem Callas' größter Fan. Er überflutete ihre Garderobe mit roten Rosen, bestellte ihr eine Privatgondel in Venedig. Gemeinsam lebten sie in Prunk und genossen die Privilegien des Jetsets zwischen New York, Rom, Paris und London. Onassis' Partys wurden zu Callas' neuer Bühne. Sie schulte ihre Stimme nicht mehr, besuchte die Oper nur noch sporadisch, aber wenn, feierte sie Erfolge wie 1964, in der legendären "Tosca" an Covent Garden.
Als der Katholik Meneghini seine Einwilligung zur Scheidung verweigerte, wurde die Sängerin kurzerhand wieder Griechin - und annullierte damit ihre Ehe. Sie wollte Frau Onassis werden und wußte nicht, daß der 1967 bereits mit der Witwe des ermordeten amerikanischen Präsidenten, Jacqueline Kennedy, turtelte und seine Verlobung bekanntgegeben hatte. Als Callas davon erfuhr, war sie in den USA, nahm ihren Pudel und flog nach Paris, um sich bei ihren Freunden auszuweinen: "Das kann er mir nicht antun", sagte sie. "Ich hatte alles, und nun habe ich nichts mehr. Ich begann zu sterben, als ich diesen Mann kennenlernte - und meine Musik opferte."
Es war ihre Stimme, die sie zur Opernsensation gemacht hatte, ihr eindringlicher Ton, mit dem sie die bis dahin gültige, geschliffene Schönheit einer Renata Tebaldi durch dramatische, zuweilen häßliche Gestaltung revolutioniert hat. Das wurde als Reflex auf ein dramatisches Leben verstanden. Bellinis Druidin "Norma" wurde ihre Paraderolle: "Sie ist stark, hin und wieder sehr wild, dann wieder schwach", sagte Callas. "Sie brüllt wie ein Löwe, ist aber zahm." Doch die Diva, die in der Opernwelt als "die Tigerin" bekannt wurde, Journalisten gern der Dummheit bezichtigte, war eigentlich: zahm.
Doch durch ihre verhängnisvolle Affäre mit Aristoteles Onassis mußte Maria Callas früher oder später selbst zur Oper werden, mußte in den griechischen Olymp aufsteigen oder als Soap-Opera auf den Boulevard zerschmettern.
Ingeborg Bachmann schrieb in den 60er Jahren weitsichtig: "Maria Callas ist ein Geschöpf, über das die Boulevardpresse zu schweigen hat, weil jedes seiner Sätze, sein Atemholen, sein Weinen, seine Freude, seine Präzision, seine Lust daran, Kunst zu machen, eine Tragödie, die zu kennen im üblichen Sinn nicht nötig ist, evident sind."
Doch der Boulevard schrie, und Maria Callas, die der Oper das wahrhaftige Leben geschenkt hatte, sah zu, wie ihr eigenes Lebens zur großen Oper wurde.
1944 war Maria Callas 20 Jahre alt und schon das (schwergewichtige) Opern-Ereignis in Athen. Nach ihrer Geburt in New York, nach dem Aufritt bei einem Radiowettbewerb, der bereits Frank Sinatra berühmt gemacht hatte und in dem sie Zweite wurde, nach einem Akkordeonspieler, zog sie mit ihrer Mutter nach Griechenland. Dort wurde Callas mit 13 Jahren als Klavierstudentin im Konservatorium eingeschrieben und lernte die kettenrauchende, spanische Gesangslehrerin Elvira de Hidalgo kennen, die ihr das italienische Opernfach näherbrachte. Was der Sängerin bei den italienischen Besetzern half.
Als ihr Vater ihr 1945 100 Dollar aus den USA schickte, reiste Callas zurück in die alte Neue Welt. Dort schien die Metropolitan Opera nur auf sie zu warten, umwarb sie mit den größten Rollen, mit "Madame Butterfly" und Leonore aus Beethovens "Fidelio". Doch die Sängerin hielt sich für zu dick, lehnte ab. Statt dessen zog sie zur neu gegründeten Opern-Kompanie nach Chicago, um "Turandot" zu singen. Das Haus ging bankrott.
Ihren Durchbruch feierte Callas in Europa, in der Arena von Verona, die damals noch keine rotweinselige Touristenoper war, sondern ein Treffpunkt der Stars. Hier wurde sie entdeckt, und hier machte sie Bekanntschaft mit dem italienischen Industriellen Meneghini. Fünf Minuten nach ihrer ersten Begegnung wurde er ihr Manager, 1949 ihr Mann - es folgte eine atemberaubende Karriere.
1965 war in New York keine Karte für den Callas-Auftritt zu ergattern, aber Kritiker schrieben, daß sie ihre Stimme verloren hatte. Die Sängerin wußte, daß die Presse recht hatte. Als sie dann noch von Onassis enttäuscht wurde, saß sie ohne das ersehnte Kind und ohne Stimme da. Sie begann zu unterrichten. Und noch einmal ging sie gemeinsam mit dem Tenor Giuseppe di Stefano auf Welt-Tournee. Doch ihre Stimme war abgestorben. Maria Callas hat sie nach einem Auftritt in Japan endgültig begraben. Als Onassis am Ende seines Lebens noch einmal unter dem Fenster ihres Pariser Appartements um sie buhlte und kurz darauf verstarb, schwand ihre letzte Hoffnung. Da verabschiedete sich auch Maria Callas von der Welt - als offiziellen Todesgrund gaben die Ärzte einen Herzschlag an. Sie starb an gebrochenem Herzen.
Maria Callas' Asche wurde ins Ägäische Meer verstreut, ihre Stimme singt bis heute. Ingeborg Bachmann schrieb schon vor ihrem Tod: "Es ist schwer oder sehr leicht, Größe anzuerkennen. Die Callas - ja, wann hat sie gelebt? Wann wird sie sterben? - ist groß, ein Mensch, ist unvertraut in einer Welt der Mediokrität und der Perfektion."
Axel Brüggemann


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