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Niccolò Paganini der Teufelsgeiger

Hörspiel - Paganini

Niccolò Paganini war einer der wichtigsten Geiger der Musikgeschichte. In seinem Radio-Essay erzählen Matz Kastning und Jane Höck für myclassicworld.com über das Leben und den Tod des Geigers. Ein Spurensuche in Italien.

Auf der Suche nach einer Leiche

Wo hat die Forschung ihre Grenzen? Ein Film erzählt eine abenteuerliche Geschichte: Paganinis Exhumierung sollte neue Erkenntnisse über den Komponisten bringen. Aber dazu kam es nicht. Hier schreibt der Regisseur über sein Projekt.

Von Axel Fuhrmann

Quietschend langsam bohrt sich die Metallspitze durch Marmor. Dann ein Ruck. Die Grabplatte ist durchstoßen. Vorsichtig wird die Sonde ins Innere des Sarkophags geschoben. Auf dem Bildschirm das Innere. Dichte Spinnweben. Ein Zinksarg. Staubig. Ruckend bewegt sich die Sonde weiter. Ein Glasfenster. Darunter ein Gesicht. Ausgetrocknet. Mumifiziert. Ein Riss in der rechten Wange. Ein düsterer, von Falten zerfurchter, ledriger Kopf, um den sich lange Haare ranken, ruht auf einem blauen Samtkissen.

So steht Anfang 2003 die erste Szene in meinem Skizzenbuch zu einem Film über Nicolò Paganini. Eines Films, der Schluss machen soll, mit vagen Vermutungen, ungelösten Rätseln und alten Legenden. Eines Films, der endlich die Wahrheit erzählen soll über Paganinis Leben, seinen Tod und die spielerischen Fähigkeiten, die ihn zum Teufelsgeiger machten.

Eine verbrannte Wachsfigur

Einer der Letzten, die Paganini sahen, war David Bartlett, er schrieb 1852 über seine Begegnung mit der Wachsfigur des Geigers: "Die Wachsfiguren schienen zu leben. Washington und Napoleon, Danton und Robespierre schienen wie anwesend. Und da - Paganini mit seiner Violine: lebendig und mit seinen dünnen Fingern das Instrument fassend, auf dem er gespielt hatte. Während wir ihn anstarrten, durchdrangen uns seine dunklen, geistvollen und schwärmerischen Gesichtszüge wie ein Schauer. Es war als ob diese seltsamen Finger und ihr Spiel auf der alten Violine noch einmal die Welt mit ihren zauberhaften Tönen in Erstaunen versetzen wollten."

Barlett sah die Figur bei Madame Marie Tussaud. Sie, die ihr Handwerk in der Französischen Revolution gelernt und die abgeschlagenen Köpfe der Revolutionsopfer in Wachs abgebildet hatte, legte beim Modellieren Paganinis sicher größten Wert auf maßstabsgetreue Präzision. - Paganini in seinem letzten Lebensjahrzehnt.

1925 löst ein elektrischer Kurzschluss einen verheerenden Brand aus. Paganinis Wachsfigur geht mit vielen hundert anderen in Flammen auf. Paganinis Gesicht und Hände schmelzen in der glühenden Hitze des Feuers. Doch die Gussformen werden gerettet. Beim ersten Bombenangriff, den die Nazis auf London fliegen, werden 5000 Gussformen, darunter auch die Paganinis, endgültig zerstört.

Das Vermächtnis des Teufelsgeigers

Was ist geblieben von Nicolò Paganini, dem, der als Teufelsgeiger und Satansspross in die Musikgeschichte eingegangen ist? Seine Capricen, Violinkonzerte, sein Gitarrenquartett. Seine roten Bücher mit Eintragungen über seine Einnahmen und Ausgaben. Zeichnungen, Bilder, Briefe. Ein Foto seiner rechten Hand, angefertigt bei einer Exhumierung. Der Abguss seiner rechten Hand. Herkunft ungeklärt. Einige Haarlocken. Die Berichte seiner Leibärzte. Und seine Mumie, die auf dem Friedhof Villetta in Parma beigesetzt wurde. Kleine Büsten oder Statuen als Souvenirs gibt es nicht. Und im Konzertleben fristet er ein Schattendasein als Zugabenlieferant der Mutters, Hahns, Mintz' und Vengerovs. Kaum ein Geiger wagt sich an die Gesamteinspielung seiner Violinkonzerte. Warum? Zu schwer? Alle mir bekannten Gesamteinspielungen der Violinkonzerte bleiben eine Antwort darauf schuldig.

Ein Freund drückt mir 2003 eine neu erschienene CD mit Paganinis Violinkonzerten 3 und 4 in die Hand. Darauf keine exzentrischen Exzesse eines technikversessenen Möchtegerns, sondern kleine, liebenswerte Opernszenen, in denen die Primadonna Violine sich mit wohlgeformter Stimme und spielerischer Leichtigkeit in schwindelerregende Belcantohöhen tänzelt, um anschließend, ins Brustregister stürzend, markerschütternde Mezzo-Qualitäten zu entfalten. Der hier spielt heißt: Ingolf Turban.

Ingolf Turban als Paganini in der Wiener Hofburg

Beim ersten Treffen mit ihm war ich verblüfft: Hagere Gestalt. Große, schlanke Hände mit langen Fingern. Und als er die Violinhaltung vorführt, die sich Paganini als früherer Gitarrist autodidaktisch erarbeitet hatte, den rechten Fuß nach links vorgeschoben, den Oberkörper nach links eingedreht und den Ellenbogen der linken Hand nach rechts gebogen, begreife ich: nur so sind Paganinis Doppelgriffe und Flageolets im Hochgeschwindigkeitstempo derart präzise und mit Leichtigkeit zu greifen, dass daraus eine Belcantolinie entsteht. Ingolf Turban beginnt zu spielen. Kein Uhrwerk beginnt zu laufen. Kein technisches Feuerwerk geht hoch. Aus transparenter Mehrstimmigkeit wachsen Melodien und rhythmisierte Klangfarben. Ist das die Stimme Paganinis, die Seele des Rossini-Freundes und Opernliebhabers? Ist es das, was ihn zum Teufelsgeiger machte? Schwerelosigkeit angesichts größter technischer Herausforderung?

Nicolo_Paganini_by_Richard_Jam Mein Gefühl sagt, Ingolf Turban ist nah dran. Ein Rest Zweifel bleibt. Auch bei Turban. Gewissheit könne, so meint er, nur die Hand Paganinis geben. Funktionierte sie tatsächlich so, wie sein Leibarzt Francesco Benati schreibt? Konnte er die Glieder seiner Finger seitlich aus eigener Kraft umbiegen? Wenn man Paganinis Hand und Skelett untersuchen könnte, dann müsste man rekonstruieren können, ob er wirklich ein anatomisches Wunder war. Viele Facetten seiner bis heute mystischen Gestalt, seiner unvergleichlichen Virtuosität würden erklärbar werden. Wer wollte der Versuchung widerstehen, nach der Wahrheit zu suchen. Einer Wahrheit, die in einem Sarkophag auf dem Friedhof Villetta in Parma verborgen liegt.

Paganinis genaueste und akribischste Biografin, Geraldine de Courcy, hat die meisten Fakten zu Paganinis Leben zusammengestellt. Doch das Rätsel seiner Virtuosität ist bis heute unentschlüsselt. Für seine Leibärzte war Paganini ein Phänomen, sein Körper außergewöhnlich, seine Hände und Finger einzigartig dehnbar. Wissenschaftler vermuten heute, dass er am "Marfan-Syndrom" erkrankt war. Einer Erbkrankheit, die zu Veränderungen des Knochengewebes führt und die alle Symptome bestätigen würde, die Paganinis Leibärzte bescheinigten. Doch einen Beweis gibt es nicht. Nur einer kennt die Wahrheit: Paganini selbst. Seine Mumie ist der Schlüssel. Doch der liegt allein in Händen der Familie. Bis heute lebt sie in Parma.

Spurensuche in Parma und Genua

März 2004. Flug von München nach Rom. Zweieinhalb Autostunden später. Parma. Zwanzig Minuten von dort nach Gaione. Es ist kalt, es schneit, es ist spät und dunkel. Ein schmaler unbeleuchteter Feldweg. Schlaglöcher aus denen hoch Wasser spritzt. Am Wegesrand liegt Schnee. Rechts ab. Ein noch schmalerer Weg. Er führt zu einem -großen dunklen Tor. Pappeln links und rechts. Dahinter schemenhaft erkennbar: düstere massive Mauern eines kleinen Schlosses. Ein alter Fiat Cinquecento hält neben mir. Eine Italienerin, Anfang vierzig, steigt aus. Ich sage ihr, dass ich als Fernsehproduzent eine Dokumentation über Nicolò Paganini plane und frage in gebrochenem Italienisch, ob dies der Palazzo von Nicolò Paganini sei. "Si, certo" meint die Frau. Er gehöre heute der katholischen Kirche, dem "Instituto Cultura Religiosa". Ich solle morgen wiederkommen. Dann würde man mir die Villa zeigen.

Am nächsten Morgen führt mich eine alte Ordensschwester durch Paganinis Villa in Gaione. Düster schwarze Stofftapeten mit Jagdmotiven im Speisesaal. Räume und Einrichtung zum größten Teil noch in originalem Zustand. Wie zu Paganinis Lebzeiten. Das einstige Schlafzimmer Paganinis ist heute ein Gebetsraum. Da wo einst Paganinis Bett stand, ein Altar. Es scheint als habe die katholische Kirche dem Haus die Seele des Teufelsgeigers austreiben wollen.

Gleich angrenzend an den Park der Villa, die alte Dorfkirche von Gaione. Der Padre empfängt mich. Er zeigt mir die Stelle hinter dem Altar wo Paganinis Mumie bis zu ihrer offiziellen Beisetzung auf dem Friedhof in Parma eingemauert war. In einem verstaubten alten Kirchenbuch finden der Padre und ich tatsächlich den entsprechenden Eintrag. Paganini wurde hier versteckt, bis der Papst in Rom, mehr als dreißig Jahre nach seinem Tod, die Begräbniserlaubnis endlich erteilte.

Ich fahre nach Genua. Hier residiert die Paganini Gesellschaft. Empfang bei Alma Brughera Capaldo, der Vorsitzenden. Einst eine Pianistinnenikone sitzt die weit über achtzigjährige in einem abgedunkelten Wohnzimmer im Rollstuhl. Mit steinerner Mine hört sie hinter dunklen Gläsern einer viel zu großen Sonnenbrille zu. Mein Vorhaben ein wissenschaftliches Forschungsvorhaben auf die Beine zu stellen, um dem Geheimnis von Paganinis Virtuosität auf den Grund zu gehen, begrüßt sie. Dadurch, meint sie, könne er vom immer noch existierenden Ruf des Satanssprosses und Teufelsgeigers rehabilitiert werden.

Telefonat mit Paganini

Die Paganini Gesellschaft in Genua gibt mir die Telefonnummer eines Paganini-Nachfahren in Parma. "Pronto?" tönt es aus dem Hörer. Nicolò Paganini. Er ist Mitte Dreißig. Musiklehrer und Paganini-Urenkel. Er ist von meiner Idee begeistert. Er glaubt, er könne seine Familie dazu bringen, einem Forschungsvorhaben zuzustimmen. Er, der ausgerechnet den Vornamen seines Urahnen trägt, ist jetzt mein Schlüssel für die Erlaubnis zur Untersuchung von Paganinis Mumie. Wir verabreden uns für den Sommer in Parma.

Zurück in Deutschland, treffe ich mich mit dem Gerichtsmediziner Dr. Buhmann. Nichts ist schlimmer, als auf Fragen der Familie unvorbereitet zu sein. Er hat schon viele Fürstengräber geöffnet. Kennt sich mit den vielfältigen Details aus, die im Falle einer Exhumierung und Untersuchung zu beachten sind. Ich erzähle ihm von meiner Idee. Seine Checkliste nehme ich mit nach Parma zum Vieraugengespräch mit Nicolò Paganini.

Im August 2004 treffe ich Nicolò Paganini. Treffpunkt Friedhof Villetta. Hier hat der Teufelsgeiger seine letzte Ruhe gefunden. Gemeinsam gehen wir zum Grab. Ein Hahn kräht unablässig. Grillen zirpen in den Zypressen. Inmitten aufwändig ausgestatteter Totenhäuschen Paganinis Grabmal auf einer Kreuzung. Darauf eine Büste und auf dem Sarkophag das Relief eines Adlers mit einer Geige. In den Fugen Kitt und Spuren, die von der letzten Öffnung herrühren. Wir legen eine Rose vor den Steinsarkophag. Dann sprechen wir über mein Vorhaben. Nicolò, der schwarzlockige Musiklehrer, folgt meinen Worten vertrauensvoll, aus kleinen zugekniffenen Augen, die hinter runden Gläsern einer Nickelbrille funkeln. Dass die Paganini Gesellschaft meinem Vorhaben zugestimmt hat, sorgt für ein entspanntes Gesprächsklima. Nicolò ist auf meiner Seite. Er verspricht seiner Familie von allen Einzelheiten meines Vorhabens zu berichten und Überzeugungsarbeit zu leisten. Wenig später trifft sein Brief mit der Bestätigung ein. Er und seine Familie stimmen zu. Die Planung kann beginnen.

Ortstermin im Ospedale Maggiore

Dezember 2004. Im Ospedale Maggiore in Parma treffe ich Prof. Marco Vitale, Chef des Anatomischen Institutes der Uniklinik Parma. Er wird die Untersuchung Paganinis organisieren. Er führt mich in den alten Sektionssaal im Keller des Instituts. Die Decken sind niedrig. Durch die vergitterten Fenster fällt Tageslicht. Skelette stehen herum, Vitrinen mit Schädeln und Knochen, vereinzelt Skelett-Torsi auf den Tischen. Hier hat Vitale seine Kollegen aus der Radiologie, der Gerichtsmedizin und der Archäologie versammelt. Alle Einzelheiten werden besprochen. Öffnung des Sargs, Entnahme einer Knochenprobe, DNA-Analyse, Röntgen, CT. Daraus soll später eine Computersimulation der Hand Paganinis und ihrer Bewegungsfähigkeit entstehen. Der Friedhofsdirektor trifft ein. Der Transport des Zinksargs zum Krankenhaus soll abends nach Schließung des Friedhofs erfolgen. Von der Öffentlichkeit unbemerkt. Alles, von der Öffnung des Sarkophags über die Untersuchungen bis zur Herstellung eines neuen Zinksarges und der anschließenden Rückführung und Einsegnung von Paganinis Mumie ist perfekt organisiert. Dann kommt Nicolò Paganini, der Musiklehrer, dazu. Die Mediziner erklären ihm den Ablauf aller Untersuchungsschritte. Ein Stück aus dem Oberschenkel der Mumie soll für die DNA-Untersuchung mit einer Knochensäge entnommen werden. Ich sehe die Schweißperlen auf Nicolòs Stirn. Spüre: Jetzt, wo alles geregelt ist und die Exhumierung kurz bevor steht, bekommt er kalte Füße.

Paganini Handabguss Paganinis Geheimnis bleibt rätselhaft

Drei Tage später. Zurück in Deutschland. Nicolò ruft mich an. Er teilt mir mit, dass seine dreiundneunzigjährige Großtante verfügt hat, dass eine Exhumierung Paganinis nicht erfolgen darf. Ein schnell anberaumtes Treffen mit Familienmitgliedern bringt keine Lösung. Ein harter Rückschlag. Das Filmprojekt muss gestoppt werden.

Heute denke ich: Es war wohl eine altersweise Entscheidung, Paganinis letztes Geheimnis nicht zu lüften. Das Unerklärbare, das Rätselhafte, der Spielraum der Phantasie hat seine Berechtigung. Es gibt der Interpretationspraxis den Spielraum, den sie braucht und ermöglicht viele verschiedene Zugänge zum Werk eines in Italien immer noch verfemten Komponisten und Virtuosen.

Den Film über Nicolò Paganini habe ich später trotz alldem realisiert. Mit Hilfe der Paganini Familie aus Mailand. Stefano und Andrea Paganini, Urenkel Paganinis aus der Linie des ersten Sohnes von Achille, stellten mir eine Haarlocke Paganinis und ihr Blut für eine DNA-Extraktion zur Verfügung. Außerdem gehen sie im Film auf Spurensuche- in der Vergangenheit. Humangenetiker in Hannover untersuchten die Paganini-DNA auf das "Marfan-Syndrom" und an der Göttinger Gerichtsmedizin wurden die Haare Paganinis auf Medikamentenschädigungen zu Lebzeiten und Quecksilberrückstände untersucht. Die Haaranalyse bestätigte den Syphilis-Verdacht. Der amerikanische Geiger Jonathan Gold schickte mir den einzigen erhaltenen Abguss der rechten Hand Paganinis zur anatomischen Untersuchung. Außerdem hat mir Ingolf Turban bis heute die Treue gehalten, sein Expertenwissen beigesteuert und jede Menge schauspielerisches Können in der Rolle Paganinis bewiesen. Ich bin mir sicher: Er hat der Aufführungspraxis mit seiner Gesamteinspielung der Violinkonzerte Paganinis einen starken Impuls in eine ebenso neue wie lohnenswerte Richtung gegeben.

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Ernst Burger ist ein leidenschaftlicher Sammler und besitzt zahlreiche Fotografien und Dokumente. Im Jahr 2010, ein Jahr vor dem Liszt-Jahr 2011, hatte er einen Bildband über Franz Liszt und seine Jahre in Rom und Tivoli herausgegeben.